Ein Sommerurlaub. Sechster Tag. Karwendelmarsch.

Gemeinsam Laufen, gemeinsam Schreiben, gemeinsam (er-)Leben: Meine Freundin ist nach einer recht herausfordernden Woche ihren ersten Ultratrail, den Karwendelmarsch gelaufen und hat ihre Impressionen hier niedergeschrieben. Ich selbst mag nur einen Dank für die wirklich grandiose Woche mit dir in den Bergen hinzufügen, die ihren krönenden Abschluss mit dem Karwendelmarsch gefunden hat.

Karwendelmarsch 2014

Nach den letzten aufregenden Tagen fuhren wir nach Scharnitz, um dort einen Ruhe-Tag einzulegen und herauszufinden, ob wir uns noch „kurz-vor-knapp“ für den Karwendelmarsch anmelden können.

Es stellte sich heraus, dass es kein Problem war, noch drei Startplätze für Dominik, seinen Bruder und mich zu ergattern.

Was habe ich mir dabei gedacht? Ach, „KarwendelMARSCH“, 14 Stunden für 52 km, viele Verpflegungsstationen – „das wird schon gehen“ – irgendsowas wird es wohl gewesen sein. Die Höhenmeter (2.281 hm), wie weit 52 km tatsächlich sind und die Lauffreude meines Freundes und seinen Bruders, habe ich bei der Anmeldung verdrängt.

So verbrachte ich einen, für meine Verhältnisse, sehr entspannten Tag vor einem offiziellen Lauf.

Nach dem Vorbereiten des Rucksacks für den anstehenden Lauf und den Dropbag für danach, haben wir noch Uncle Bens-Reis mit frischer Paprika gekocht und ich habe die restliche Nutella gegessen. Samt des Brotes, was wir eigentlich mit Käse belegen und am Tag danach als Verpflegung mitnehmen wollten.

Auf dem Campingplatz lernten wir noch einige Mitläufer und -marschierer kennen – das war sehr sympathisch und so erfuhren wir schon etwas über die Strecke. Zum Beispiel, dass uns nach dem ersten Berg ein schöner Downhill erwartet und das der Anstieg am dritten Berg voller Serpentinen und Latschenkiefern ein zähes Stück Strecke darstellen sollte.

Da fühlten wir uns glatt ein wenig besser vorbereitet und schliefen einigermaßen früh und mittel-gut ein.

Früh morgens am Veranstaltungstag

Am nächsten Morgen, nach einer von Regen- und Schnarchgeräuschen der Nachbarn begleiteten kurzen Nacht, klingelte der Wecker gegen 4:20 Uhr.

Regen. Stetiger, noch relativ leichter Regen begleitete uns zum Zähneputzen.

Die Zeit verging wie im Flug, der mit uns erwachte Zeltplatz leerte sich, Dominiks Bruder kam an und wir rannten durch die Dunkelheit zum Start.

Wenn das noch mal passiert, dass wir zum Start rennen müssen, dann wird es ein Ritual. Es ist meiner Meinung nach nicht der optimalste Beginn für eine Laufveranstaltung, vor allem wären bei dem anstehenden Lauf genug Kilometer zum Einlaufen und Warm da gewesen … aber naja, „zu warm“ kann man eigentlich nicht sein.

Es war schon etwas spät, der Regen wurde stärker, nach dem Abgeben der Dropbags reihten wir uns ganz hinten in die Startaufstellung der Marschierer ein.

Der Start aus der letzten Reihe

Es war eng und wir beschlossen „ein bißchen“ zu Laufen, um etwas aus dem Pulk der Startenden herauszukommen.

Dominik und sein Bruder sprangen leichtfüßig voran und ich versuchte an ihnen dranzubleiben.

Das war gar nicht so einfach – die beiden waren schnell und die Lücken in den Reihen der Überholten schlossen sich schnell.

„Nicht so viel Zick-Zack laufen“ – gab mir mein, um mein Durchhaltevermögen besorgter, Freund den Hinweis.

Aus „ein bißchen laufen“ wurde „wir laufen alles außer Anstiege“.

Anstiege wurden konsequent gegangen und ab und an warteten die beiden, damit ich nicht verloren ging.

Sehr lieb von ihnen. Sie wären ohne Wartezeit und und dem Gehen auch kleiner Steigungen sicherlich viel schneller gewesen.

So trabten wir die ersten 9,58 km zur Verpflegungsstelle („Labenstation“) „Schafstallboden“ (1173 hm).

An der Verpflegungsstelle hieß es: Stempel suchen und in sein Heftchen, was alle Marschierer mit dabei hatten, befördern. Wir bekamen alle ein kleines Plastiktütchen zum Schutz des Heftchens vor Nässe, jedoch war schnell alles recht durchweicht, wellig und die Farbe zerlief großflächig über die Seite. Trotz allem: Das Heftchen war ein Schatz, bewies es, dass Kilometer und Höhenmeter bewältigt wurden.

Nach einem Becher Wasser für mich und einigen sehr leckeren Keksen und Holundersaft für Dominik und seinen Bruder machten wir uns wieder auf den Weg. Auf zum Karwendelhaus, bei km 18,19 und auf 1771m.

Auf zum Karwendelhaus

Die ersten Höhenmeter, auf breiten Wegen, fein geschottert. Rasant zogen viele Marschierer an mir vorbei und Dominik lief zwischen seinem voranschreitendem Bruder und mir hin und her und sorge vor allem, wenn er bergab, mir entgegen, lief für irritierte Blicke der Mitmarschierer – wie kann da jemand nur freiwillig den Berg hinunter laufen? Mein Herz wurde leicht, vor Freunde, und so ging es weiter den Berg hinauf.

Oh, der Anstieg zog sich. Mühselig schleppte ich mich dahin – wo waren Kondition und Energie? Sind sie vielleicht auf der Zugspitze geblieben? Endlich tauchte die Verpflegungsstelle auf. Dort wartete Dominiks Bruder, schnell wurde ein Holundertee in mich hineingeschüttet, ein Keks in den Mund geschoben und noch kauend ging es weiter. Juhu! Es ging bergab und unerwarteterweise ging es sehr gut. 5 km Downhill auf recht einfacher Schotterstrecke. Jeder schnelle Meter bergab fühlte sich so an als ob mein Akku wieder aufgeladen wurde. Wir überholten einige der Marschiere, die mich am Anstieg hinter sich gelassen haben. Schön, sie wieder zu sehen – wohl wissend, dass ich sie auch am nächsten Anstieg wieder sehen werde.

Beim VP “kleiner Ahornboden”

Bei km 24,23 wartete Verpflegungspunkt „kleiner Ahornboden“ in einer Höhe von 1.399 m auf uns. Ich hatte Vertrauen zum Holundertee und auch den Keksen gefasst, und so ging es hamsterartig (latenter Zeitdruck aufgrund meiner Anstiegsgeschwindigkeit einer Schnecke führte zu Einsparungen der Pausenzeiten) weiter – wieder bergauf.

Der Weg veränderte sich nach und nach; wurde schmaler, teilweise matschiger und die Pfützen wurden größer.

Und wieder machte sich mit steigenden Höhenmetern das Gefühl in mir breit, dass Energie abgesaugt wurde. Immerhin waren es nicht so viele Marschierer, die an mir vorbeigezogen sind, wie an Berg eins, jedoch regnete es wieder etwas mehr und der Nebel nahm zu. Ich war ko. Zweifel machten sich breit, ob ich tatsächlich die ganze Strecke schaffe. Was für nervige Gedanken, die auch nicht dazu beitragen, dass es schneller oder leichter bergan geht. Sondern ganz im Gegenteil.

Also, wenn ich aufzählen sollte, welches die Top 3 der für ein entspanntes Vorankommen hinderlichen Gedanken darstellen, so wäre das kein Problem. Dominiks Bruder schritt stetig voran und war bald aus meinem Blickfeld entschwunden. Für Dominik wäre es ein Leichtes gewesen, ebenfalls zu entschwinden, aber er behielt mich im Blick und so ging ich nicht verloren und irgendwann hatte auch dieser Anstieg sein Ende.

An der Falkenhütte

Endlich, die Falkenhütte (1.848 m), bei km 30,23. Bisher vorhandene Sorgen, ob ich das Essen während des Laufens vertrage, oder nicht – wegen dem literweise getrunkenen Tee aufs Klo müssen könnte oder nicht: egal. Käsebrote mussten her und auch der Tee. Mein Blick auf die Uhr zeigte mir: alles gut, dass schaffen wir schon im zeitlichen Rahmen. Es war noch unerwartet früh, dafür, dass sich die Anstiege so zäh angefühlt haben.

Oh, war das lecker! Es gab noch unzählige kulinarische Verlockungen, aber dazu fehlten mir die Zeit, bzw. vor allem meinen Kaumuskeln fehlte die Zeit alles in Ruhe für einen reibungslosen Rutsch in den Magen vorzubereiten, also blieben Müsliriegel, weitere Kekse, Käsestücke, Küchen, Kartoffensuppe und Heidelbeersuppe nur meinen Augen vorbehalten.

Gut gestärkt ging es zunächst ein kleines Stück bergab – Kräfte sammeln für den folgenden Anstieg. Da war Dominiks Bruder wieder weg und ich freute mich noch immer über die Käsebrote und auf den folgenden Abstieg. Ein unbekannter Mensch in Bonner-Postmarathonjacke lief einige Zeit ein ähnliches Tempo wie ich. Gemeinsam keucht es sich leichter. Dominik versuchte ab und an mit einem kleinen Scherz („hier geht’s noch hoch“) die Situation zu lockern … irgendwann kam der Gipfel und von da an hieß es: Bergab mit uns. Wir stürmten den talwärts. Überholten einige Marschierer an mehr oder weniger breiten Pfadabschnitten. Sprangen über Pfützen, kleine Bäche und rannten auch durch einige hindurch. Und es hat Spaß gemacht. Keine Angst vor Rutsch- oder Stolperstellen.

Ich war verwundert über mein Tempo und vor allem über den Spaß, den das Ganze plötzlich machte – immerhin ging es auf km 35 zu und das Weiteste, was ich bis dahin gelaufen war, war der Basetrail. Ich hatte sogar noch Puste dem Fotografen zu antworten, der uns entgegen rief, wie es uns denn ginge.

Beim VP Eng

Nach 35km erreichten wir die Eng auf 1.227 m, nach ca 5:40Std. An diesem Punkt war mir klar: Wir schaffen die Strecke und das auch noch innerhalb der vorgegebenen Zeit.

Schnurstracks lief ich zu Käsebroten und Tee – war ich innerlich darauf vorbereitet, direkt mit Brot und Tee in der Hand weiterzulaufen.

Doch wo war Dominiks Bruder?

Nach einigem suchendem Umherschauen, kam er uns von irgendwoher mit dick verbundener Hand und blutendem Knie entgegen – hatte einen Stunt hingelegt.

Der Fotoapparat zeigte sich ab diesem Zeipunkt ebenfalls ramponiert und machte nur noch leicht vernebelte Bilder.

Nach kurzer Rast ging es nach einem kurzen flachen Stück an den dritten Berg. Den letzten Anstieg. Wir blieben nun als Gruppe zusammen und kamen mit zwei Pausen, ein paar Abhandlungen über die Nährwerte von Kartoffeln und einigen Zwischensnacks aus dem Rucksack von Dominiks Bruder stetig voran.

Bei km 38,37 auf 1502 m lag Verpflegungspunkt „Binsalm“.

Dort gab es eine kleine Pause samt Foto und weiter gings in Richtung des letzten Gipfels.

Der Weg dorthin zog sich scheinbar endlos durch Latschen-umsäumte Sepentinen, denen das Wasser heruntertroff.

Durch tiefe und flache Pfützen stampften wir dem Gipfel entgegen.

Am höchsten Punkt des Karwendelmarschs

Nach einer Linkskurve war plötzlich ein Pavillon aufgebaut und Menschen der Bergwacht begrüßten jeden Läufer individuell. Mich fragten sie, ob ich genug Zeit gehabt hätte – was ich allerdings vor lauter Schnauferei meinerseits erst beim dritten Mal verstanden habe. Super! Oben.

Kurze Vorfreude auf den bevorstehenden Weg wich bei Anblick des Weges Erstaunen: da stand uns eine Schlammschlacht bevor.

Bis zur nächsten Verpflegungsstation war der Weg vor allem steil, steinig und nass – noch nicht richtig schlammig.

Am Gramai Hochleger auf 1.756 m und bei 41,52 km wurde Dominiks Bruder von der Bergwacht beiseite genommen und mit einem Knieverband versorgt.

Wir liefen/schlitterten durch den Matsch bergab, dem vorletzten Verpflegungspunkt entgegen. Ich habe mich versucht an die Fersen eines Marschierers zu heften, der mit beeindruckender Sicherheit einen Weg ins Tal fand, ohne große Stunts oder Rutschpartien. Letztlich war er zu schnell – jedenfalls bergab.

Und das alles in gröbsten Bergschuhen, einer mit Regenwasser vollgesogenen Hose, die bis in die Kniekehlen vollgeschlammt war. Beeindruckend!

Zielankunft unter 10 Stunden?!

An der Gramaialm auf 1.263 m bei km 44, 50, die wir nach ca 8 Stunden erreichten wurden bei Dominik plötzliche Energien und ein starker Ehrgeiz geweckt: „hey, wir schaffen das“ …. (bis dahin für mich nix neues) … „… und zwar unter 10 Stunden“. Da war das erste Ziel „Durchkommen“ in wahrlich greifbarer Entfernung gerückt, da wurde ein neues Ziel formuliert. Für einen Einspruch fehlte mir die Puste, und da lief er auch schon von dannen.

Die letzte Labestation (Falzturm Alm; 1098hm) ca 4 km später passierten wir ohne groß zu stoppen. Mittlerweile liefen wir wieder auf eher festem Untergrund, oder saftigen Wiesen. Der Abstieg war noch fühlbar, jedoch nicht so stark, als dass es einen energieaufladenden Effekt hatte – jedenfalls nicht bei mir. Dominik lief voran, sein Bruder und ich trabten dahinter.

Schritt für Schritt ließen wir die letzten Wiesenkilometer und dann auch die Asphaltkilometer hinter uns. Wanderer begegneten uns und applaudierten. Das war sehr schön und motivierte trotz schwerer Beine weiterzulaufen.

Das Ziel kam in Sicht – und wir wurden per Banner und Zuschauer direkt in den Zielbereich geleitet.

Nach dem letzten „Piep“ beim über die Matte der Zeitmessung und einer mir um den Hals gehängten Medaille wurde mir klar: Wir haben es geschafft!

(Quelle: http://karwendelmarsch.info/strecke/)

Es ist geschafft

Nach 52 km, 2.281 Höhenmeter in 9:14:33 Std um 15:24 Uhr, bei gefühltem Dauerregen, mit ca 8 Käsebroten und ca 1l Tee, 2 l Wasser, 300gr Keksen und 3 Müsliriegeln im Bauch haben wir den Karwendelmarsch tatsächlich geschafft!

So eine Freunde!

Wir gingen durch das Finisher-Zelt, schnappten alkoholfreies Bier, weitere Kekse und Käsebrote und setzten uns.

War das schön.

Nach einer Dusche machten wir uns per Bus-Shuttle auf den Weg zurück nach Scharnitz. Der gute Busfahrer hielt an der Abzweigung zum Campingplatz. Es galt sich nun so wenig wie möglich zu bewegen.

Dominiks Bruder machte sich, nachdem seine Essensvorräte geplündert wurden, wieder auf den Weg zurück nach Augsburg. Bei uns gab es noch ein warmes Abendessen und dann sind wir rasch in die Schlafsäcke gekrabbelt. Regen, schnarchende Zeltnachbarn oder irgendwelche anderen Geräusche: ich habe nix gehört, sondern ko und sehr zufrieden geschlafen.

Liebe Gebrüder, es hat Spaß gemacht!

 

 

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